Jetzt also Ritalin


Wir sitzen im Sprechzimmer der Kinderärztin. Die Kurze ist am Quatsch machen, weil sie mittlerweile ziemlich genervt von Ärzt_innen ist und am liebsten einen großen Bogen um alle Frauen und Männer in weißen Kitteln machen würde. Ist irgendwie auch nachvollziehbar. Als die Ärztin hereinkommt, fragt sie uns, wie das Gespräch mit dem Kinderneurologen im Krankenhaus war - und wir berichten kurz.

Quintessenz des Ganzen: Unsere Tochter soll jetzt Ritalin bekommen.

Ritalin ist ein Arzneistoff mit stimulierender, aufputschender Wirkung. Der Wirkstoff heißt Methylphenidad, gehört zur Gruppe der Amphetamine und ist als Betäubungsmittel eingestuft. Ist erstmal ein blödes Gefühl als Mutter. Irgendwie bin ich immer davon ausgegangen, dass dieser Kelch an mir vorbeigehen würde. Von Ritalin habe ich auch diverse Horrorstories gehört und gelesen. Also fragen wir die Ärztin erst einmal ein paar Löcher in Bauch:

"Gibt es Langzeitstudien zu dem Medikament?"
- "Ja! Ritalin ist schon seit Mitte der 50er Jahre auf dem Markt und daher sehr gut erforscht."

"Wie sieht es mit den Nebenwirkungen aus?"
- "Natürlich hat auch Ritalin wie jedes andere Medikament Nebenwirkungen. Bei einigen können besonders in den ersten Tagen der Einnahme Kopfschmerzen und Übelkeit auftreten."

"Und wie ist es mit Veränderungen der Persönlichkeit und Depressionen, Angststörungen und Psychosen?"
- "Auch das können Nebenwirkungen sein, aber die sind eher selten. Wenn Sie merken, dass sich Ihr Kind in diese Richtung verändert, müssen wir etwas anderes ausprobieren."

"Gibt es denn keine Alternativen?"
- "Klar gibt es andere Wirkstoffe, die bei Narkolepsie ebenfalls angewendet werden, aber die haben ebenfalls Nebenwirkungen. Die nehmen sich da alle nicht viel."

"Ich habe gelesen, dass Ritalin eigentlich erst für Kinder ab sechs Jahren zugelassen ist. Gibt es besondere Risiken, wenn eine Vierjährige das nun zu sich nimmt?"
- "Dass Ritalin erst für Kinder ab sechs Jahren zugelassen ist, hängt vor allem damit zusammen, dass es kaum Eltern gibt, die ihre jüngeren Kindern an Studien für dieses Medikament teilnehmen lassen. Darum gibt es keine Datenbasis. Erfahrungswerte zeigen jedoch, dass Ritalin auch für Kinder unter sechs Jahren verträglich ist."

"Wie ist es denn mit Abhängigkeit oder Entzugserscheinungen? Kann man Ritalin jederzeit wieder absetzen?"
- "Dass Gute an Ritalin bei Narkoleptiker_innen ist, dass diese davon nicht süchtig werden. Das ist also bewiesen. Es löst folglich auch keine schlimmen Entzugserscheinungen aus. Was passieren kann, ist, dass die Symptome der Narkolepsie erst mal etwas schlimmer werden, wenn man das Medikament aussetzt. Aber das gibt sich dann auch wieder.

"Uns wie genau läuft die Einnahme dann ab?"
- Ich würde Ihnen Ritalin LA 10 mg aufschreiben. Das ist eine retardierte Form des Medikaments, das heißt, die Wirkung entfaltet sich eher langsam und hält dann länger an. Ihre Tochter nimmt morgens - sagen wir gegen 8 Uhr - eine Kapsel. Die Wirkung entfaltet sich dann allmählich und idealerweise sollte sie mit dieser Dosis über den Tag kommen. Am späteren Nachmittag hat sich der Wirkstoff dann bereits abgebaut, sodass Sie ganz normal Ihrer Abendroutine nachgehen können und die Kleine dann auch einschläft."

Nach einigen weiteren Fragen zu anderen Medikamenten bzw. Wirkstoffen kommen wir zu dem Schluss, dass Ritalin LA in der niedrigsten Dosis von 10 mg doch noch die beste Alternative sei und zumindest einen Versuch wert. Wir werden die Kleine aber genau im Auge behalten und sie insbesondere in den ersten Tage der Einnahme gut beobachten.

Hier geht's zur Packungsbeilage des Medikaments.