Auf der Suche nach einer Diagnose #2

Juli: Drei Tage im Krankenhaus und drei unterschiedliche Theorien

Einen knappen Monat später stand der Termin für die U8-Untersuchung an. Da meine Tochter an diesem Tag ziemlich schlapp war, die Augenlider herunter hingen und ihr Gang sehr torkelig wirkte, bemerkte auch die Kinderärztin, dass es mehr als ein Wachstumsschub sein musste. Sie ist eine sehr gelassene und unaufgeregte Ärztin, was ich eigentlich auch schätze. Doch nun war sie merklich beunruhigt und wusste auch nicht so recht, was sie uns sagen sollte. Aufgrund der hängenden Lider und unseren Erzählungen des Zusammensackens in den Knien, äußerte sie die Vermutung, es könne sich um Myasthenie handeln - eine neurologische Erkrankung, bei der die Übertragung von Nervenimpulsen auf die Muskeln gestört ist. Ich war ziemlich geschockt, da mich Dr. Google schon über die Krankheit informiert hatte. Glücklicherweise wurde ich mit dem mütterlichen Funktionsgen ausgestattet, welches es irgendwie ermöglicht, in jeder denkbaren Situation zu funktionieren und eigene Gedanken und Emotionen weitgehend zurückzuschieben. Die Kinderärztin ließ uns sofort ins Christliche Kinderhospital (CKO) hier in Osnabrück einweisen. Verdacht: "Myasthenia gravis".

Im CKO wurde die Kleine dann erst mal gründlich untersucht (Reflexe, Sauerstoffgehalt im Blut, Blutdruck) und wir Eltern mussten viele Fragen beantworten. Dann wurden wir auf die neurologische Station gebracht. Zusätzlich erhielten wir zwei Fragebögen zum Schlafverhalten bzw. zur Ausprägung der Müdigkeit, die wir beantworteten.
Am nächsten Tag stand das Gespräch mit dem Oberarzt an, der uns ebenfalls viele Fragen stellte. So wie er unsere Tochter erlebte, verabschiedete er sich schnell von der Idee der Myasthenie. Anhand unserer Angaben zum Schlafverhalten, den "Anfällen" und der Tatsache, dass unsere Tochter innerhalb kurzer Zeit einen sehr großen Appetit entwickelte hatte, was sich auch auf der Waage bemerkbar machte, entwickelte er bereits im ersten Gespräch den Verdacht auf Narkolepsie. Das zuvor gemachte EEG im Wachzustand war unauffällig gewesen. Da meine Tochter ziemlich nasal spricht, obwohl erst im Frühjahr die Polypen entfernt worden waren, wollte der Oberarzt aber noch checken, wie es im Atemtrakt der Kurzen so aussah. Er vermutete, es könne sich auch um eine Schlafapnoe handelt, also einen gestörten Nachtschlaf aufgrund von Atemaussetzern, die ebenfalls zu Tagesmüdigkeit führen. Also wurde kurzerhand ein MRT (Kernspintomografie) gemacht, welches Querschnittsaufnahmen des Schädels meiner Tochter produzierte. Da sie hierfür ohnehin narkotisiert werden musste, nutzen die Ärzte die Gelegenheit für eine Lumbalpunktion - also eine Nervenwasserabnahme im Lendenwirbelbereich. Eine Analyse des Nervenwassers (auch Liquor genannt) kann - im Gegensatz zu Bluttests - Entzündungen im Gehirn nachweisen und eindeutige Hinweise auf Narkolepsie geben. Dazu muss der Hypocretin-Wert im Liquor ermittelt werden. Da diese Analyse jedoch nur wenige Labore - genau genommen drei (!) - in Deutschland machen, mussten wir auf das Ergebnis noch einige Zeit warten. Die MRT-Aufnahmen zeigten, dass es tatsächlich ziemlich eng im Atemtrakt meiner Tochter war und dass ihre Mandeln zudem sehr groß seien. So wurde uns empfohlen, eine Mandelverkleinerung (Tonsillotomie) vornehmen zu lassen. Im besten Fall würden sich die Probleme dadurch von selbst erübrigen.